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„Es war verboten von Deutschland nach Deutschland zu gehen“
„Der Tunnelbauer“: Maja Nielsen und Joachim Neumann waren zu Gast bei der Kinderuni Siegen
Am 9. November 1989 fiel die Mauer zwischen den seinerzeit existierenden beiden deutschen Staaten. Seit dem Mauerbau am 13. August 1961 hatten unzählige Menschen auf ganz unterschiedliche Weise versucht, über die unüberwindbar scheinende Grenze von Ost nach West in die Freiheit zu gelangen. Mehrere hundert Menschen kamen dabei ums Leben. Wer bei der „Republikflucht“ erwischt wurde, landete oftmals lange im Gefängnis. Die DDR war ein Unrechtsstaat hinter dem „eisernen Vorhang“.
Gut 35 Jahre nach dem Fall der innerdeutschen Mauer erinnern nur noch die älteren Menschen Grenzkontrollen, Zwangsumtausch, aber auch Versuche, Menschen Fluchtwege von Ost nach West zu eröffnen. Zu diesen gehört Joachim Neumann. Neumann wurde 1939 in Berlin-Friedrichshain geboren und studierte bis 1961 in Cottbus Bauingenieurwesen. Nach dem Bau der Mauer und den zunehmenden Repressionen auch im Hochschulbereich entschied er sich, seine Heimat zu verlassen. Dies gelang ihm mit einem „geliehenen“ Schweizer Pass. Dieser Pass und sein Handgepäck mit typisch Schweizer Utensilien ließen ihn die gut bewachte Grenze als „Ausländer“ passieren. Von Westberlin aus machte er es sich zur Aufgabe, Menschen in der DDR die Flucht in den Westen zu ermöglichen, zumal auch seine große Liebe in der DDR verblieben war. Den kleinen Plüschteddy der Freundin hatte Joachim Neumann im Handgepäck bei der Grenzquerung.
„Der Tunnelbauer“ heißt der Titel des Buches, das die Sachbuchautorin Maja Nielsen und Joachim Neumann gemeinsam geschrieben haben. So hieß auch der Titel der zweiten Kinderuni-Veranstaltung der Frühjahrsstaffel. Maja Nielsen erzählte im vollen Schadeberg-Hörsaal am Campus Unteres Schloss die Geschichte von „Achim“. Joachim Neumann steuerte im Dialog Details bei. Selbstverständlich war auch der kleine Plüschbär mit im Hörsaal. Die Vorlesung war spannend. Achims Schwester schaffte die Flucht in den Westen in einem präparierten Auto. Diese Methode war gefährlich und vor allem teuer. Joachim Neumann: „Als meine Schwester im Westen war, war ich pleite.“
Die Freundin war immer noch in Ostberlin: „Freunde und ich haben dann beschlossen, wir bauen einen Tunnel.“ Tunnel 29 (die Zahl steht für die Anzahl der Menschen, denen durch das Bauwerk die Flucht gelang) entstand in mühsamer liegender Kleinarbeit. Der Durchmesser betrug 80 x 80 cm: „Man konnte nur auf allen Vieren krabbeln.“ Die Tunnelbauer lebten über Wochen hinweg in einem verlassenen Fabrikkeller, um nicht aufzufallen. Dort wurde auch der Aushub deponiert. Die Verpflegung brachte die Ehefrau eines Tunnelbauers von Zeit zu Zeit im Kinderwagen vorbei.
Zuerst wurde die Erde in einem Karren gesammelt und mit einem Seil aus dem Tunnel gezogen, danach kam eine Winde zum Einsatz und schließlich ein Elektromotor. Unter westdeutschem Gebiet wurde der Tunnel durch einen geplatzte Wasserleitung geflutet. Die Stadtwerke behoben auf Anzeige den Schaden – vielleicht mit einer Ahnung, was unter der Erde vor sich ging. Auf Ostberliner Gebiet gab es einen weiteren Wassereinbruch; die Tunnelbauer mussten den Fluchtweg früher als geplant öffnen. Die letzten Flüchtlinge verließen die DDR bei hohem Wasserpegel. Wenige Minuten nach ihrer Rettung stürzte der Tunnel ein. Ein weiteres unterirdisches Bauwerk war vonnöten, um die Freundin von Ost nach West zu holen. Mancher Tunnel wurde entdeckt oder verraten, bevor Menschen diesen zur Flucht nutzen konnten. Maja Nielsen und Joachim Neumann zeichneten ein sehr lebendiges Bild der damaligen Zeit und der Geschehnisse. Ihnen gelang es aufzuzeigen, dass Menschen in der DDR der Unfreiheit entfliehen wollten und dafür mögliche schlimme Konsequenzen wie Gefängnisaufenthalte oder gar den Tod in Kauf nahmen. Maja Nielsen: „Es war verboten von Deutschland nach Deutschland zu gehen.“ Diese Lesung wurde aus Spenden für die Kinderuni Siegen finanziert.
Maja Nielsen reist am 31. August 2025 im Rahmen des Siegener Stadtfests nochmals zur Lesung an. Um 15 Uhr liest sie am Herrengarten auf Einladung des Hauses der Wissenschaft aus ihrem Sachbuch "Mit Jane Goodall bei den wilden Menschenaffen". Diese Lesung wird von der Dieter-und-Christa-Lange-Stiftung finanziert.